Klostergeschichte

Die recht wechselvolle Entwicklungsgeschichte des ehemaligen Zisterzienserklosters Michaelstein begann etwa drei Kilometer talaufwärts vom heutigen Standort entfernt. Dort befindet sich eine Naturhöhle, wo die Einsiedlerin Luitburg im 9. Jahrhundert zurückgezogen lebte. Die neben ihrer Zelle erbaute Kirche war dem heiligen Michael geweiht. Kaiser Otto I. übergab dieses Gebiet im Jahre 956 dem Quedlinburger Stift. Es wurde zum Mittelpunkt einer Einsiedlergemeinschaft („ Volkmarsbrüder“) und Michaelstein genannt.

Im 12. Jahrhundert stiftete Graf Burchard von Blankenburg mit Erlaubnis seiner Lehnsherrin, der Quedlinburger Äbtissin, den Volkmarsbrüdern sein nahe gelegenes Wirtschaftsgut Evergodesrode, entsagte dem weltlichen Leben und trat der Brüdergemeinschaft als Konverse (Laienbruder) bei. Im Dezember 1139 bestätigte Papst Innocenz II. die Schenkung und erlaubt, dass gemeinsam unter einer Regel Gott gedient werden dürfe. Damit war die Gründung eines regulären Klosters eingeleitet. In der Stiftungsurkunde von 1146 bezeichnet sich die Äbtissin Beatrix II. dann als Gründerin.

Die Bestätigungsurkunde des Papstes Eugen III. aus dem Jahre 1152 enthält die erste eindeutige Erwähnung eines Zisterzienserkonvents. Entsprechend der Ordensbestimmung verzichtete Äbtissin Beatrix II. auf das sonst übliche Unterstellungsverhältnis, gestand freie Abtswahl und Unabhängigkeit zu.

Unter der Führung des Abtes Roger war die Besetzung des Klosters Michaelstein von Kamp (Altenkamp) aus erfolgt. Sicherlich waren räumliche Enge oder Sicherheitsprobleme Gründe dafür, dass die Brüder das Kloster zwischen 1152 und 1167 vom Michaelstein an den heutigen Standort, dem einstigen Wirtschaftshof Evergodesrode verlegten. Allmählich zog das neue Kloster dann den Namen seiner Gründungsstätte nach sich, für den alten Platz kam die Bezeichnung Volkmarskeller auf.

Weitere Schenkungen, die gelobte Armut sowie das von Arbeit und strenger Eigenwirtschaft bestimmte Leben erhöhten den klösterlichen Besitz bis zum Ende des 12. Jahrhunderts auf etwa 500 Hufen (ca. 3.500 Hektar), hundert Jahre später sogar auf etwa 700 Hufen. Ihre Grangien (Wirtschaftshöfe) konzentrierten sich anfänglich auf die nähere Umgebung. Später kamen Ländereien z.B. um Aschersleben, Gatersleben und in Mecklenburg hinzu. Wirtschaftlicher Schwerpunkt war natürlich auch das ehemalige Gut Evergodesrode, der neue Klosterstandort. Hier hatten die Brüder allein schon über 20 Teiche angelegt. Auch die zwei Wassermühlen, der Weinberg, Hopfen- und Obstgarten, die Anteile an der Lüneburger Saline und am Rammelsberger Bergwerk zeugen vom regen wirtschaftlichen Leben Michaelsteins. Trotz allem verblieb das Kloster in relativ bescheidenen Verhältnissen, kam es zu keiner Gründung von Tochterklöstern.

Dafür machte es aber auf einem anderen Gebiet auf sich aufmerksam. Seine Äbte wurden zu ungewöhnlich vielen geistlichen Aufträgen und Streitschlichtungen durch die Päpste herangezogen, führten Verhandlungen, bestätigten, bezeugten und übten auch sehr aktiv das Schiedsrichteramt am freiweltlichen Damenstift Quedlinburg aus. Ein weiteres Betätigungsfeld der Michaelsteiner war die Pflege- und Hospizversorgung. Im 13. Jahrhundert bestätigte der Halberstädter Bischof zum Beispiel, das Graf Siegfried von Blankenburg das zu Michaelstein gehörende Hospital erneuerte und es mit umfangreichen Gütern ausstattete. Im Jahre 1234 ist ein Bruder Infirmarius (Krankenmeister) urkundlich belegbar. Für die Beschäftigung mit der Wissenschaft stehen ab 1429 verschiedene Mönche aus dem Kloster Michaelstein, die an der Universität Leipzig studierten.

Der Mittwoch nach Jubilate, der 10. Mai im Jahre 1525 war ein schwarzer Tag in der Michaelsteiner Geschichte. Aufständische Bauern hatten plündernd und raubend das Kloster überfallen. Die Mönche flohen noch rechtzeitig, aber die Klostergebäude waren nach ihrer Heimkehr verwüstet. Sie konnten notdürftig wieder ausgebessert und bezogen werden, für eine Reparatur der Kirche fehlten jedoch die Mittel. So wurde der Kapitelsaal geweiht und als Gottesdienstraum genutzt. Nach dem Überfall im Herbst 1533 durch Wilhelm von Haugwitz war für die Finanzierung der Reparaturarbeiten an den Gebäuden wiederum der Verkauf von Klostergütern erforderlich. Vom Wiederaufbau der nun völlig zerstörten Kirche mussten die Mönche endgültig Abstand nehmen. Sie ist heute vom Erdboden verschwunden.

Nach Einführung der Reformation in der Grafschaft Blankenburg-Regenstein durch Graf Ulrich XII. legte 1543 der letzte katholische Abt seine Würde nieder. Gregor Schwarz übergab die Abtei mit allen Liegenschaften, Einkünften und Gerechtigkeiten, mit Briefschaften und Siegeln. Danach führte der Graf seinen ältesten Sohn Ernst als ersten protestantischen Abt in Michaelstein ein. Bis zum Erlöschen des adligen Geschlechts im Jahre 1599 verblieben Abtei und Prälatur in den Händen der Blankenburg-Regensteiner. Sie verpfändeten und verkauften Klosterbesitz, nutzten Michaelstein zur Schuldentilgung.

Auch als Blankenburg als erloschenes Lehen an die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg überging, setzte sich der Prozess zahlreicher Verkäufe und Versetzungen fort. Die Prälatur wurde anfänglich aus dem Herzoghaus, später von den Braunschweigern mit Theologen besetzt oder blieb frei. Aber die bereits vom Grafen Ulrich von Blankenburg-Regenstein 1544 gegründete protestantische Klosterschule, eine für 24 Knaben berechnete höhere Lehranstalt als Freischule, blieb noch bis 1721 bestehen. Im Dreißigjährigen Krieg musste der Schulbetrieb wiederholt unterbrochen werden, waren zeitweise katholische Zisterziensermönche in Michaelstein. Im 1717 zusätzlich eingerichteten Predigerseminar bereiteten sich dann jeweils fünf Kandidaten der Theologie auf ihr künftiges Pfarramt vor.

Nach Übernahme der Grafschaft Blankenburg durch Herzog Ludwig-Rudolf  erfolgten seit Anfang des 18. Jahrhunderts verschiedene Bauarbeiten im Klosterbezirk. Im umgebauten Westflügel der Klausur nimmt die barocke Kirche, die 1720 im Beisein des Herzogs geweiht wurde, den gesamten nördlichen Teil ein. Sieben Jahre zuvor hatte das Torhaus sein heutiges Aussehen erhalten. Im Wirtschaftshof wurde ein Fachwerkgebäude errichtet, in alten Plänen als„Amtswohnhaus“ bezeichnet. Das Klostergelände bildete mittlerweile ein selbständiges Dorf und hatte 130 Einwohner im Jahre 1800.

Mit der Gründung des Königreiches Westfalen wurden die Klostergüter eingezogen und aus ihnen französische Offiziere dotiert, das Kollegiatenstift für immer geschlossen. 1815 ging Michaelstein mit allen Gütern und Liegenschaften an das Regentenhaus Braunschweig zurück. Bis ins 20. Jahrhundert blieb der Klosterbezirk Vorwerk der Domäne Heimburg, die Klausurräume dienten Wirtschafts- und Lagerzwecken sowie den Arbeitern als Wohnung.

Als Blankenburg nach dem 2. Weltkrieg zum neugegründeten Land Sachsen-Anhalt kam, stoppten erste Erhaltungsmaßnahmen den zunehmenden Verfall der Gebäude. Das Telemann-Kammer-Orchester, auf der Suche nach geeigneten Proben- und Aufführungsmöglichkeiten, entdeckte das Kloster für sich und begann mit der Wiederherstellung einzelner Klausurbereiche. Im Sommer 1968 fand dann unter der Leitung ihres Dirigenten Dr. Eitelfriedrich Thom das erste Konzert im Refektorium statt. Neun Jahre später kam es zur Gründung einer Kultur- und Forschungsstätte, des späteren Instituts für Aufführungspraxis der Musik des 18. Jahrhunderts. Für die Konzerte mit authentischen Instrumenten wurden historische Musikinstrumente gesammelt. Einige Umstände führten dann zur Erweiterung der hauseigenen Sammlung, die seit 1988 teilweise ausgestellt und öffentlich zugänglich ist. Museumsbesucher konnten neben dieser Exposition aber auch schon einige Klausurräume besichtigen. Zwei Jahre danach kam ein nach Vorbild historischer Pläne angelegter Kloster-Kräutergarten dazu, später noch ein Gemüsegarten. 1997 erfolgte die Überführung des Instituts in die öffentlich-rechtliche Stiftung Kloster Michaelstein, in der das Land vier Jahre später auch die Landesmusikakademie Sachsen-Anhalt einrichten ließ.