Der Kräutergarten

Foto: Blick in den Kräutergarten

Auf der sonnigen, windgeschützten Südseite des Klostergebäudes liegt der Kräutergarten. Er ist umfriedet von der alten Außenmauer und bietet einen Blick auf den bewaldeten Talausgang. Ein verschütteter Brunnen, gute klimatische Bedingungen und das hervorragende Gedeihen seltener sowie wärmeverwöhnter Kräuter lassen die Annahme zu, dass sich hier bereits zur Zeit der Mönche ein Garten befand. Seit 1990 ist der neu angelegte Garten öffentlich zugänglich. Auf knapp 800 m2 wachsen etwa 260 verschiedene Kräuter des Mittelalters nach Vorbild eines in sich abgeschlossenen Klostergartens (hortus conclusus). Der klösterliche Kräutergarten nahm früher als Heilmittellieferant und Apotheke eine sehr wichtige Stellung ein. Das Herzstück des Gartens bilden die mit Holzplanken eingefassten Kräuterhochbeete. Sie wurden nach Quellen aus dem 9. Jahrhundert angelegt.

1 Duftkräuter
Vom Mittelalter bis zur Barockzeit hinein behalf man sich mit stark duftenden Potpourries und Kräuterstreuungen zur Desinfizierung und Schädlingsbekämpfung von Haus und Textilien. Große Bedeutung kam in früheren Zeiten dem Duft der Pflanze zu, da er als Zeichen besonderer „Heil“-kraft interpretiert wurde.

2 Lavendel und Rosen
Die anhaltend blühenden Rosen profitieren von den ätherischen Ölen der Lavendelbüsche, die sie ab Juni nahezu blattläuse- und schädlingsfrei halten.

3 Weinstöcke
In den Fensternischen zum Refektorium wachsen neuere Weinsorten. Zu Zeiten der Mönche gab es außerhalb der Klostermauer einen kultivierten Weinberg. Der Michaelsteiner Wein soll für edlen, aber sauren Geschmack bekannt gewesen sein. Rotwein galt und gilt – in Maßen getrunken - als Herzstärkungsmittel.

4 Wildkräuter
In der hiesigen Harz-Landschaft sind "wild wachsend" etliche heilkräftige Kräuter vorzufinden. Vorgestellt werden im Beet beispielsweise Beifuß, Schafgarbe, Johanniskraut, Kamille und Wilde Malve. Wildkräuter stehen in der Gefahr als "Unkraut" unterschätzt und nicht als nützliche Heilpflanzen betrachtet zu werden.

5 Sympathiepflanzen
Dazu zählen Pflanzen, denen man im Mittelalter Krankheiten oder Liebe und Heirat betreffende Vermittlungsdienste durch Beschwören und Besprechen anbefahl. Holunder beispielsweise sollte die Gicht vertreiben, Rosmarin und Thymian die Liebe bringen. Heidnische Rituale und antikes Gedankengut rund um das Kräutersammeln blieben über die Jahrhunderte - meist in leicht veränderter Weise - erhalten.

6 Heil- und Gewürzkräuter des Mittelalters
Sie wurden in vielfacher Weise in Küche und Medizin verwendet. So sind hier Bohnenkraut, Borretsch, Engelwurz, Lein, Sanikel, Sauerampfer und Schwarzkümmel unter vielen anderen Pflanzen vorzufinden, mit denen schon Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert und die Klosterköche bis ins 16. Jahrhundert umgingen.

7 mittelalterliche Klosterkräuter in Hochbeeten
Dieser Gartenbereich ist das eigentliche Herzstück des Kräutergartens. Er orientiert sich an den Heilkräutergärten „herbularius“ des St. Gallener Klosterplans (um 820) und dem fast identischen „hortulus“ des Abtes Walahfrid Strabo v. d. Reichenau (um 840). Die Hochbeete garantieren den wärmeliebenden Kräutern - wie zum Beispiel Salbei, Raute, Estragon und Eberraute - einen trockenen Fuß, gute Bodenbelüftung und leichtere Pflege. Die frühere Pflanzenauswahl und Beetgestaltung wurde von der Heil- und Duftkraft bestimmt. Darum gedeihen heute im Michaelsteiner Kräutergarten in den obersten Beeten Rosen und Lilien, Salbei und Weinraute. Auch die Zahlensymbolik wurde bei der Neuanlage berücksichtigt. Es sind insgesamt 24 Hochbeete - die Zahl der Tagesstunden, der Verdoppelung der Jünger Christi oder der Monate. An allen vier Seiten dieses Gartenbereiches sind jeweils 4 Beete, auch rechts und links des Mittelweges. Dabei steht die Zahl für Stabilität, Stärke, Ewigkeit, vier Evangelien, Himmelsrichtungen oder Temperamente.

8 Marien- und Symbolkräuter mit Rasenbank

Auf mittelalterlichen bis barocken Tafelgemälden ist die Jungfrau Maria - als Schutzpatronin der Zisterzienserklöster, der Acker- und Feldfrüchte - mit Rosen, Lilien und einer Vielzahl symbolträchtiger Kräuter dargestellt, die hier analog dazu aufgepflanzt sind. So stehen Akelei und Erdbeere für die Dreieinigkeit, die Iris für das Schwert, Königskerze für Hoheit und Zepter oder der Lavendel für den Heiligen Geist.

9 Rasen
Er dient als ruhebringendes Gestaltungsmittel und bietet die Möglichkeit zum Wandeln, zur inneren Sammlung oder zum Gespräch. Gleichzeitig steht er für die Weiterentwicklung der klösterlichen Nutzgärten im 13. und 14. Jahrhundert, wo mit der Nützlichkeit die Schönheit vereint wurde. Die Pflanzstellen mit Symbolkräutern stehen alle in Bezug zur Bibel und dem Christentum.

10 Zauberpflanzen
Sie befinden sich im kreisrunden Beet im Rasen. Schon die Form deutet den schutzwirkenden Zauber- oder Bannkreis gegen böse Mächte an. Als Zauberpflanzen galten vornehmlich stark riechende und wirkende Pflanzen, wie Knoblauch, Königskerze, Andorn, Johanniskraut und Dill. Mit ihnen versuchte man Haus, Hof und Mensch von Krankheit, Tod und Teufel frei zu halten.

11 Brunnen
Er ist ein Nachbau und dient als Regenwasserspeicher. Das Original befand sich lediglich ca. 10 m weiter östlich. Wasser als lebenswichtiges Element ist auch für einen Garten unerlässlich. Im klösterlichen Glaubensleben ist das „Wasser des Lebens“ ein Synonym für Jesus Christus.

12 Rosenhag
Im Mittelalter waren Gärten von einem Zaun, einer Mauer oder dornigen (Rosen-) Hecke als Schutz vor Tieren umfriedet. Garten (althochdeutsch garto) bedeutet „abgesteckt “, „umgrenzt“ oder „ begrenztes Feld“ und steht auch im Zusammenhang mit dem Begriff „paradeisos“, also Paradies. Der Rosenhag hier im Kräutergarten ist eine geschlossene Hecke aus alten Rosensorten.

13 Färbekräuter
In zwei Beeten werden alte, bewährte und früher kostspielige Färbekräuter vorgestellt. Dabei sind beispielsweise Färberwaid und Krapp als Farbstofflieferanten für Blau und Rot aufgepflanzt. Beide Pflanzen galten auch als Verdauungshilfe, die sich farblich im Urin bemerkbar machten. Altem Kartenmaterial entsprechend kann eine Färbemühle, in der Schafwolle und Leinenstoffe behandelt und eingefärbt wurden, etwa 50 m südlich des Gartens vermutet werden.

14 Weidenflechtzaun
Er ist nach alten Bildquellen gestaltet und bildet neben dem Rosenhag und der südlichen Klostermauer eine weitere historische Garteneinfassung.